Das Spielzeit-Interview 2025/2026

GMD Florian Merz im Gespräch

Sehr geehrter Herr GMD Merz, Sie starten in die neue Spielzeit mit einer Jubiläumsausgabe der Chursächsischen Festspiele – Wie wichtig ist Ihnen dieses etablierte Kulturfestival?

Seit Königszeiten gibt es auf der »Festspielmeile der kurzen Wege« in den Königlichen Anlagen Bad Elster ein vielfältiges Kulturangebot. Die Chance, dieses insgesamt zu profilieren, haben wir bereits 1996 – vor bald 30 Jahren – mit der Chursächsischen Philharmonie zur Gründung des Chursächsischen Sommers, dem mittlerweile größten und wohl erfolgreichsten deutsch-tschechischen Kulturfestival, genutzt. Als dann die Chursächsische Philharmonie als Vorgängerin der Chursächsischen Veranstaltungs GmbH zudem vorübergehend das gesamte Kulturmanagement der Sächsischen Staatsbäder GmbH übernommen hat, gründeten wir – die Chursachsen mit dem damaligen Sächsischen Staatsminister der Finanzen Dr. Thomas de Maizière – anlässlich deren 10-jährigem Firmenjubiläums im September 2001 die Chursächsischen Festspiele. Darum sind die Festspiele für mich jedes Jahr eine besonders intensive Zeit und ein jährlicher, zukunftsorientierter Anfang, dem ein Zauber innewohnt :-). Dass wir damit in 2025 35 Jahre Deutsche Einheit feiern, ist ein willkommener Anlass, nicht nur zurück, sondern vor allem nach vorn zu schauen: In unserem Land und auch in Bad Elster ist wirklich Vieles gelungen, wofür ich sehr dankbar bin! Zugleich heißt es, zukünftig Chancen nachhaltig-wertschöpfend zum Wohle unserer Region zu nutzen.

  • Der Bad-Elster-Botschafter: »Chursächsisch« gemeinsam,
    auf der Festspielmeile!

Nun ist ja die Arbeit eines Geschäftsführers, Intendanten und Generalmusikdirektors in herausfordernden Zeiten nicht immer nur ein Festspiel. Mal überspitzt: Was nervt aktuell so richtig und was entschädigt Sie im Gegenzug im Arbeitsalltag?

Die Zeiten sind insgesamt zweifelsohne herausfordernder geworden – das spüren wir Chursachsen natürlich auch. Wie bisher wollen wir dem Gemeinwohl dienen und dabei insbesondere für die Menschen, die Gesellschaft, die (Tourismus)Wirtschaft und natürlich die Kulturwelt selbst ein wirklich guter, (welt)offener, mehrwertgebender Partner sein. Mit besonderer Qualität möchten wir zum Wohle der Region Impulse geben und geboten weiter wachsen. Mit dieser für uns selbstverständlichen Verpflichtung begegnen wir den Themen der Zeit neugierig, fleißig, kreativ und mit gewachsener, hoher Kompetenz. Aber leider erleben wir gerade in Deutschland zunehmend auf vielen Ebenen eine im Wesentlichen ungerechtfertigte, negative Stimmung. Vieles wird – warum auch immer – nicht lösungsorientiert angegangen, bürokratisch blockiert und oftmals unpassend kommuniziert. Statt gestaltet wird häufig ver(w)altet. Das nervt nicht nur, sondern bremst – und wir verlieren im harten Wettbewerb der Destinationen Menschen und Zeit! Wir haben das Glück, dass die »Chursachsen« ein wirklich hervorragendes, erprobtes Team sind und – sportlich ausgedrückt – deutlich mehr gemeinsame Erfolge statt Niederlagen feiern. So schöpfen wir selbstkritisch Kraft, lernen für das nächste Mal. Demgegenüber erfüllen mich hier persönlich auch nach über 30 Jahren insbesondere meine Opern- und Symphonik-Dirigate in Bad Elster auf unserer Festspielmeile sowie die wirklich vielen und innigen Begegnungen mit einfach bewundernswerten Menschen – ohne diese Erfüllung könnte ich nichts erfüllen …

Als öffentliche Person sind Sie ja nicht nur seit über 30 Jahren in Bad Elster, der Region Vogtland und Sachsen aktiv. In Anbetracht Ihrer facettenreichen Erfahrung: Wie beurteilen Sie aktuell die kulturelle und gesellschaftliche Situation des Freistaates?

Selbst im weltweiten Vergleich haben wir für unsere einzigartige Kulturlandschaft in Sachsen relativ viel Geld. Wir alle – auch die Kulturbranche – sind, überspitzt, keinesfalls zum Selbstzweck da. Wie alle Bereiche der Gesellschaft, Wirtschaft oder Politik müssen auch wir uns in gewisser Weise aktiv transformieren, gleichzeitig qualitativ verbessern sowie zukunftsorientierter, moderner und insgesamt professioneller aufstellen. Besonders Sachsen als Kulturreiseland Nr. 1 Deutschlands hat dazu die besten Chancen, da gibt es viel Potential! Die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt sehe ich leider kritischer, besonders der Rechtsruck und der oftmals leichtfertige Umgang damit bereitet mir für uns und unser Land große Sorge! Darum muss die Kultur auch weiterhin nachhaltig dazu dienen, den Menschen kreativ und zugleich konsequent einen Wertekorridor aus Freiheit, Weltoffenheit, Toleranz, Akzeptanz, Gemeinschaftssinn und Vertrauen als aktive Lebensbereicherung und persönliche Erfüllung zu vermitteln.

Apropos Kulturreiseland Sachsen: Der klassische Konzertbereich und das Musiktheaterprogramm tragen in Bad Elster spür- und hörbar Ihre Handschrift als Generalmusikdirektor und Intendant. Wie wichtig und besonders ist gerade die Kunstform der Klassik und deren Erleben für das Sächsische Staatsbad Bad Elster?

Unser künstlerisches Ziel ist es, in allen von uns offerierten Kultursparten emotional Unvergessliches anzubieten, anzuregen und zu begeistern. Aber ja, Kern unserer Musikkultur ist traditionell ein umfassendes Klassikprogramm aus 400 Jahren Musikgeschichte, von Barock bis zur Gegenwart. Schließlich legte die hier seit 1817 bestehende Orchestertradition der heutigen Chursächsischen Philharmonie den Grundstein für die Kultur- und Festspielstadt. Doch gerade hier ist die klassische Musik weit mehr als ein kulturelles Angebot – sie ist integraler Bestandteil des Aufenthaltsgedankens. Klassik berührt, erhebt, strukturiert und spricht dabei Geist und Sinne gleichermaßen an. Diese Musik besitzt eine zeitlose Kraft, die Menschen innerlich bewegt, mentale Räume öffnet und so auch einen wertvollen Beitrag zur Gesundheitsförderung leistet. In Kombination mit der einmaligen Architektur, der Naturerfahrung und der kulturellen Atmosphäre entsteht hier in Bad Elster exklusiv ein Gesamterlebnis, das weit über die reine Konzertwirkung hinausgeht. Dass wir diesem Erlebnis durch hochkarätige Konzertreihen und einem vielfältigen Musiktheater regelmäßig neue Impulse geben dürfen, ist für uns Anspruch, Ansporn und Herzenssache zugleich.

  • Der Dirigent: Leidenschaft & Begeisterung,
    immer Hand in Hand!

Gestatten Sie uns zum Schluss noch eine künstlerische Frage: Wenn Sie Ihre Spielzeit mit Oper, Operette, Musical und Ballett/Tanztheater in konzentrierter Kurzform musikalisch inszenieren müssten: Welche Werke würden Sie den vier bespielten Jahreszeiten thematisch zuordnen, und warum?

Werke würden Sie den vier bespielten Jahreszeiten thematisch zuordnen, und warum? Leicht gestellte Frage, keine leichte Antwort! Den Frühlingszauber empfinde ich persönlich bei Bruckners 9. Sinfonie: Diese kommt quasi aus tiefem Winterschlaf und lässt sich, wie der Frühling in Bad Elster, recht viel Zeit. Beendet wird sie mittels rekonstruiertem Finale krönend-strahlend im Sommer. Mit diesem Sommergefühl schaue ich auf Verdis mitreißendes Chor- und Orchesterwerk »Inno delle nazioni«: Hier wird in gekonnter »Bella Italia Opera«-Manier hymnisch, fröhlich-festlich und vielstimmig die gebotene Einheit Europas jubelnd besungen. Der Herbst strahlt dann vielfarbig und impressionistisch wie Mussorgskis Zyklus »Bilder einer Ausstellung« in unserem NaturTheater. Im Wintertraum öffnet sich abschließend für mich ein Halleluja beim festlichen »Gloria« von Vivaldi – quasi als dankbarer Jahresabschluss und Tor zum nächsten Jahr … So freue ich mich auf eine spannende Bad-Elster-Reise durch die Jahreszeiten mit toller Musik und ganz sicher dem besten Publikum der Welt!

Herr GMD Merz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.